Zeit, dass sich was dreht in Stuttgart

Viele Bewohner von Städten und Ballungsräumen leiden unter Schadstoffen wie Feinstaub oder Stickstoffdioxid. Aber welche Auswege gibt es? Lösungen? Eine Spurensuche in der Region Stuttgart.

Winfried Hermann hat es nicht besonders weit: Von seinem Ministerium für Verkehr und Infrastruktur in der Hauptstätter Straße 67 in Stuttgart zum Landtag von Baden-Württemberg sind es gerade mal zwei Kilometer. Ideal also für eine Fahrt mit dem Dienst-eBike, das er für seine Termine eifrig nutzt. Minister Hermann fährt mit gutem Beispiel voran.

Stuttgart kann gute Beispiele gut gebrauchen: Schon seit einigen Jahren trägt die Neckar-Metropole den traurigen Titel „schmutzigste Stadt Deutschlands“ – vor allem durch die bis heute beispiellos hohe Schadstoffbelastung an der Kreuzung am Neckartor. Von Januar bis April dieses Jahres hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn erstmals offiziell eine so genannte „Feinstaub-Saison“ ausgerufen, fünf Mal gab es „Feinstaub-Alarm“. Kuhns Bilanz: „Das Thema ist bei den Menschen angekommen. Niemals zuvor wurde in der Stadt und in der Region so intensiv über die Luft und die Belastung mit Schadstoffen diskutiert.“

Der Schutz von Umwelt und Klima und die Senkung der Luftverschmutzung in Städten und Ballungsräumen durch Feinstaub oder Stickstoffdioxid werden immer wichtiger. Ganz neu ist die dicke Luft in dem Talkessel aber nicht: Schon im Jahr 1938 beschloss der Gemeinderat in Stuttgart den Aufbau einer eigenen „Klimatologischen Abteilung“, die in Deutschland einzigartig ist. Deren heutiger Chef, der Meteorologe Ulrich Reuter, berichtet von Fortschritten, etwa durch die Einführung von Umweltplaketten und Fahrverboten für Lkws: „Was hilft, Energie einzusparen, dient auch der Verringerung der Luftbelastung.“

Und da existieren bereits eine Reihe von Ideen und Projekten: Verkehrsminister Hermann zum Beispiel will mit seiner Strategie „Nachhaltige Mobilität“ den Anteil des Radverkehrs in Baden-Württemberg bis 2020, also innerhalb von nur vier Jahren, von acht auf stolze 16 Prozent verdoppeln und schwärmt gar von einer „neuen Radkultur“. Wie das gelingen soll? „Im grün-schwarzen Koalitionsvertrag heißt es, dass mit der rasanten Verbreitung von eBikes und Pedelecs zunehmend auch größere Distanzen mit dem Rad zurückgelegt werden. Die Landesregierung möchte daher Konzeption und Umsetzung von Radschnellwegen unter-stützen“, erklärt Hermann, der in seinem Ministerium ein Referat für Radverkehr eingerichtet hat, das nun auch im Haushalt separat verbucht wird – also nicht mehr als Teil des Straßenbaus.

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Die Fahrrad-Elektromobilität schließe dabei eine Lücke zwischen Fahrrad und Pkw-Markt, so Hermann weiter: „Pedelecs werden in Stuttgart mit den vielen Steigungen zu einer stärkeren Verbreitung des Radverkehrs beitragen als in einer ‚ebenen’ Stadt.“

Das Umweltbundesamt (UBA) ermutigt Städte und Gemeinden, den Umstieg vom Auto auf Elektro-Räder zu erleichtern: „Sie sind ein wichtiger Baustein für die nachhaltige Mobilität von heute“, sagt seine Präsidentin Maria Krautzberger.

Laut UBA leisten sie einen nachweisbaren Beitrag, die Umwelt zu schonen. Bei der Herstellung oder der Entsorgung der am häufigsten verwendeten Lithium-Ionen-Akkus entstünden zwar ebenfalls Emissionen. Vergleiche man diese jedoch mit den eingesparten Pkw-Kilometern, seien bereits nach 100 eBike-Kilometern die CO2-Belastungen der Produktion wieder ausgeglichen. Zudem benötige ein eBike für eine Strecke von zehn Kilometern laut UBA nur so viel Energie, als würde man bei Raumtemperatur 0,7 Liter Wasser zum Kochen bringen. Andere Studien zeigen außerdem, dass eBikes lediglich 1,25 Prozent der Schadstoffbelastung eines Pkw verursachen.

Es ist also auch in Stuttgart an der Zeit, dass sich etwas dreht. Begriffe wie Nachhaltigkeit und Mobilität sind allgegenwärtig. Was sie konkret bedeuten, veranschaulichen die bisherigen Ergebnisse der 34 Projekte des von der landeseigenen Agentur e-mobil BW betreuten „Schaufenster Elektromobilität“ in der Region.

Darunter sind möglichst einfach zu nutzende eBike-Verleihstationen an Bahnhöfen oder das Projekt „eVerkehrs-raum Stuttgart“, bei dem die Verkehrsplanung der Stadt bewusst um den Aspekt Elektromobilität ergänzt wird. Oder eine Servicekarte namens „polygo“, mit der man je nach Bedarf eBikes, Car-Sharing und den öffentlichen Nahverkehr nutzen kann. Von 65.000 Pedelecs geht Oberbürgermeister Kuhn mittlerweile im Stadtgebiet aus. „Man sieht viele Stuttgarter damit durch die Stadt flitzen“, erzählt Kuhn, der sich selbst eher als „leidenschaftlichen Fußgänger“ sieht.

Bei der dennoch mühsamen Verwandlung Stuttgarts in eine Fahrradstadt will er nun zügig in Radwege und Stellplätze investieren. Bis 2017 habe man dafür zusätzliche 3,6 Millionen Euro bereitgestellt. Sein Appell: „Jeder Einzelne kann einen persönlichen Beitrag zu besserer Luft und mehr Lebensqualität in unserer Landeshauptstadt leisten.“ Es scheint sich tatsächlich etwas zu drehen, in den Städten und Ballungsräumen.

Bild: Bosch

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