Stadtplaner hinken den Radfahrern hinterher

Fast 25 Milliarden Kilometer werden sich deutsche Radfahrer nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes im laufenden Jahr erstrampeln – viele davon in unseren Städten. Und es könnten noch viel mehr sein, wenn die Infrastruktur es hergäbe. Eine Bestandsaufnahme.

Man fährt wieder gerne Rad: „Der Trend ist seit vielen Jahren eindeutig und mehr als eine Modeerscheinung“, sagt Ludger Koopmann, Vorstand beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). Es passe komplett ins moderne Lebensgefühl, sei gesund, ökologisch und stehe für eine lebenswerte Stadtgestaltung. Wer allerdings kaum dabei mitzieht, sind die Kommunen.

Radfahrer warten auf die passende Infrastruktur

„Das Erstaunliche ist: Die Deutschen erfahren sich die Städte mit dem Fahrrad trotz widriger Umstände“, so Verkehrsexperte Koopmann. Die Entwicklung laufe den Wünschen der Bevölkerung weit hinterher. „In den meisten Städten sehen wir keine oder eine hoffnungslos veraltete Infrastruktur. Wenn man Glück hat, gibt es einen holprigen Radweg, aber meistens bleibt nur die Fahrt auf der Straße. Das ist für viele nicht die wahre Lösung.“Studien belegen, so Koopmann, dass eine Menge Menschen Angst haben, im städtischen Verkehr auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. „Die mittelalten Männer fahren mutig auf der vierspurigen Straße. Aber die achtjährige Tochter würden sie dabei nicht mitnehmen.“ Dies sei übrigens ein guter Indikator: schauen, ob man den genutzten Weg auch seinen Kindern zumuten würde.

800 Meilen neue Radwege in New York

Dass es auch in gewachsenen Städten Möglichkeiten für einen Wandel in der Verkehrs-Infrastruktur gebe, könne man gut im Ausland sehen: „New York hat gerade erst 800 Meilen neue Radwege gebaut – und davon einen Großteil direkt in Manhattan. London probiert es gerade ganz massiv, Paris ist eingestiegen und selbst so exotische Städte wie Bogota machen sich stark fürs Fahrrad“, berichtet Ludger Koopmann.Und in Shanghai habe man nach dem Rikschaverbot vor rund 15 Jahren im Jahr 2011 eine massive Fahrradinitiative gestartet, nachdem die Stadt im Autoverkehr erstickt war. In Deutschland sehe man am Beispiel Karlsruhe, dass es sogar möglich sei, den Radverkehr „von nix auf gut zu fördern“.

Zweirad als Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs

Wie sich das Leben auf zwei Rädern in den öffentlichen Nahverkehr integrieren lässt, zeigen immer mehr Fahrradleihstationen. Rund 2.000 gibt es davon mittlerweile in Deutschland – mit rund 12.000 Leihrädern. Das ist zwar noch weit entfernt von einer Stadt wie Paris, die alleine mehr als 10.000 Leihräder hat und diese Zahl ständig weiter aufstockt – aber es zeigt, wie gerade Pendler in der Stadt zunehmend aufs Zweirad umsteigen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.Noch hegen Mobilitätsforscher wie der Berliner Andreas Knie große Zweifel, ob die Deutschen in Zukunft tatsächlich ihr liebstes Kind am Straßenrand stehen lassen, um in der Mehrheit auf den Drahtesel umzusatteln. „Das Autofahren ist einfach zu billig und in vielen Städten das Radfahren zu gefährlich.“ Aber es sei deutlich erkennbar, dass das Rad wieder als Verkehrsmittel entdeckt werde. „Ich halte einen Anteil des Fahrradverkehrs von derzeit rund 12 auf 25 Prozent in den Städten für machbar“, so Knie.

Noch eine Menge Platz nach oben

Dass da durchaus Steigerungspotenzial in Deutschland vorhanden ist, zeigen auch Berechnungen des österreichischen Verkehrsclubs VCÖ, der jetzt Daten der EU-Kommission zum Fahrradverhalten der Europäer ausgewertet hat. Demnach ist für gerade einmal 12 Prozent der Deutschen das Fahrrad das wichtigste Verkehrsmittel. Das liegt weit hinter den Spitzenreitern Niederlande (36 Prozent), Dänemark (23) und Ungarn (22) – aber immerhin vor Ländern wie Italien und Österreich (je 6 Prozent) oder Großbritannien und Spanien (je 3). Platz nach oben ist da allemal.

Zahlen, Daten und Fakten zur Verbreitung von Fahrrädern und eBikes in Deutschland haben wir zum Europäischen Tag des Fahrrades zusammengetragen.

Autor: Christian Thomann-Busse / Medienkontor Thomann & Thomann / www.papira.de
Bild: Riese und Müller

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