Continental bringt 2017 eigenes 48 Volt-eBike-Antriebssystem auf den Markt

Continental arbeitet schon seit drei Jahren an einem eigenen eBike-Antriebssystem, welches 2017 erstmals im Fachhandel erhältlich sein soll.

2012 war ich als Vertreter eines ehemaligen Arbeitgebers auf einem Get-Together im Süden Bayerns. Damals kamen Unternehmen und Forschungseinrichtungen aller Forschungsprojekte, die sich mit dem Thema „Elektromobilität“ befassten und vom bayrischen Staat gefördert wurden, zu einem Austausch zusammen. Während der zweitägigen Veranstaltung traf ich auf einen Mitarbeiter der Continental aus Nürnberg, der mir berichtete, dass man ein neues eBike-Antriebssystem innerhalb eines Forschungsprojektes mit der Hochschule München zusammen entwickelt. Natürlich war ich schon allein aus Vertriebssicht an diesem Thema interessiert, denn mein früherer Arbeitgeber entwickelt und produziert eBike-Batterien. Der Kontakt war danach sehr sporadisch und viel konnte ich nicht mehr rausfinden. Ich ging allerdings davon aus, dass das Thema im Sande verlaufen ist und kein marktfähiges Produkt als Ergebnis des Förderprojektes entstehen würde.

Dann kaufte Continental 2014 plötzlich Benchmark Drives GmbH & Co. KG auf und zielte auf ein eigenes eBike-Antriebssystem zur Eurobike 2014 ab. Viel hatte Continental zum damaligen Zeitpunkt nicht zu bieten, außer seinen großen Namen. Die Kompetenzen bzgl. Systemintegration der Benchmark Drives waren nun fortan das Zugpferd der noch jungen eBike Sparte. Auf der Suche nach einem geeigneten Motor ging Continental eine Kooperation mit der ebenfalls frisch gegründeten eBike-Bereich der Firma Brose. Der neue Mittelmotor wurde in das Conti-Antriebssystem integriert. Alle Komponenten des Antriebssystems sind Zukaufteile. In der Folge wurde das System noch um den Riemenantrieb ergänzt. Wie erfolgreich das Antriebssystem verkauft wurde, kann ich nicht beantworten. Ich habe bis heute auf der Straße kein einziges gesehen. Auch auf der Eurobike 2015 konnte ich kein eBike eines namenhaften Hersteller mit Conti-Antriebssystem ausmachen.

dav

Auf dem Außenstand der Continental auf der diesjährigen Eurobike kam dann die Überraschung. Mir fielen zwei eBikes mit mir unbekanntem Antriebssystem auf. Jetzt muss man wissen, dass die Benchmark Drives aus Hannover ausgesteuert wird und das Forschungsprojekt rund um den eBike-Antrieb in Nürnberg beheimatet ist – also zwei unterschiedliche Abteilungen. Die Mitarbeiter aus Nürnberg berichteten voller Stolz von ihrem neu entwickelten 48 Volt-eBike-Antriebssystem. Quasi das Ergebnis aus dem Forschungsprojekt. Ah ja… Clever, eine Neuentwicklung über ein Förderprojekt laufen zu lassen. Die Investitionen werden minimiert und somit auch die wirtschaftlichen Risiken. Nur die Laufzeit war ein wenig lang. Beginn 2012 und Markteinführung 2017? In fünf Jahren hat sich der eBike-Markt doch einmal komplett überholt. Und warum nun ein 48 Volt-System besser sein soll, als ein 36 Volt-System konnte uns keiner beantworten. Ich kann es mir nur aus Sicht der Komponenten erklären. Gleiche Leistung bei höherer Spannung bedeutet weniger Strom, ergo weniger Belastung für die einzelnen Batteriezellen und die Komponenten. Laut Conti-Mitarbeiter ist die eBike-Systemspannung mit den zukünftigen Bordnetzen in Autos identisch. Ob das nun Auswirkungen auf die Zukunft des eBikes hat oder nur an den 48V-Entwicklungskompetenzen der Conti-Ingenieure liegt, wird die Zukunft zeigen.

dav

Die Frage, warum der Markt denn noch ein weiteres Antriebssystem, respektive Mittelmotor braucht, haben wir uns nach einer Testfahrt selber beantwortet: Zwei Runden auf dem Eurobike-Parcours und wir waren begeistert. Während man mit dem Bosch-Mittelmotor das Gefühl hat auf einem Panzer zu sitzen, läuft der Conti-Mittelmotor so extrem ruhig, dass ich mehrmals nach unten schauen musste, um mich zu vergewissern, dass ich ein eBike fahre. Die Regelung bei 25 km/h ist derart geschmeidig, dass ich sofort ins Schwärmen geriet. Keine Mauer, gegen die man ankämpfen muss. Hier wird richtig geregelt und nicht stumpf abgeschaltet.

Conti 48 Volt eBike Antrieb Display web

Eine Besonderheit des Antriebssystems ist die Verwendung des EnergyBus. Ziel ist die standardisierte Kommunikation zwischen den Komponenten, womit eine Kompatibilität auch zu Komponenten anderer Hersteller möglich wäre. Die Industrie sträubt sich seit Jahren dagegen, denn geschlossene Systeme bringen mehr Kontrolle und Umsatz mit sich.

Conti Flyer 48 Volt eBike Antrieb web

Der Motor wirkt recht groß und ist mit 3,9 kg doch sehr schwer. Die Batterie sieht aus, als ob man den Produktdesigner eingespart hat. Schick ist anders.

Trotzdem Respekt, liebes Conti-Forschungsteam! Wir freuen uns auf 2017! Aber bis dahin bleibt noch viel Zeit für die Wettbewerber, um aufzuholen.


Technische Daten:

Antriebseinheit

Nennspannung 48 Volt
Nenndauerleistung 250 Watt
Drehmoment (Abtrieb) bis 70 Nm
Abtriebsdrehzahl bis 120 Upm
Lebensdauer 30.000 km / 1.500 h
Gewicht 3,9 kg
Kurbelinterface ISIS Drive
Schutzklasse IP 65
Lichtversorgung 2 Kanäle, 6 Volt
Betriebstemperatur -10 bis +40 °C
Lagertemperatur -20 bis +60 °C

Display

Displaydiagonale 2,2″
Lenkerdurchmesser 22 bis 32 mm
Gewicht 0,1 kg
Smartphoneanbindung Bluetooth LE

Batterie

Nennspannung 48 Volt
Nennkapazität 9,6 Ah
Energiegehalt 450 Wh
Gewicht 2,5 kg
Betriebstemperatur -10 bis +40 °C
Lagertemperatur -10 bis +50 ° C
Kommunikation EnergyBus

 

Bilder: inside eBike – bitte entschuldigt den gefalteten Flyer, aber direkt nach der Testfahrt waren wir auf der Eurobike-Party 😉


Kommentarfunktion ist geschlossen.